“Umgekehrter Totalitarismus” – Sheldon Wolins provozierendes Alterswerk

„Beschreibt ‘Demo­kra­tie’ wirk­lich unse­re Poli­tik und unser poli­ti­sches Sys­tem, oder han­delt es sich um eine zyni­sche Ges­te, mit der eine zutiefst mani­pu­la­ti­ve Poli­tik getarnt wer­den soll?“ So lau­tet die Kern­fra­ge in Shel­don Wolins gro­ßer, nun auch ins Deut­sche über­setz­ten Ana­ly­se des poli­tisch-öko­no­mi­schen Sys­tems der USA. Aus sei­ner Ant­wort mach­te der 2015 ver­stor­be­ne Prince­ton-Pro­fes­sor kei­nen Hehl. Wolin, neben Han­nah Arendt der wohl bedeu­tends­te Poli­tik­theo­re­ti­ker der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te, sprach sei­nem Land die demo­kra­ti­sche Qua­li­tät ab. Er sah in den USA ein neu­ar­ti­ges poli­ti­sches und gesell­schaft­li­ches Sys­tem her­auf­zie­hen: den „umge­kehr­ten Totalitarismus“.

Das klingt pro­vo­zie­rend. Doch mit sei­nem Urteil über die west­li­che Füh­rungs­macht stand Wolin nicht allein. Schon seit lan­gem, begin­nend mit C. Wright Mills’ Arbei­ten zur „Power Eli­te“ (1956), fin­den sich immer wie­der ernüch­tern­de und wenig schmei­chel­haf­te Ana­ly­sen der rea­len poli­tisch-öko­no­mi­schen Macht­struk­tu­ren in den USA. Immer ein­deu­ti­ger kris­tal­li­siert sich der Befund her­aus, dass öko­no­mi­sche Eli­ten und ihre orga­ni­sier­ten Inter­es­sen­grup­pen die Regie­rungs­po­li­tik maß­geb­lich bestim­men, wäh­rend die Durch­schnitts­bür­ger und deren Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen nur gerin­gen oder gar kei­nen Ein­fluss aus­üben. Anders gesagt: Es ist nicht die Mehr­heit, die das Sagen hat, von einer „Respon­si­ve­ness“ der Regie­ren­den gegen­über den Regier­ten kann ernst­lich kei­ne Rede sein.

Wei­ter­le­sen

 

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